Zum 6. SpreeAG-Geburtstag
Zum 6. SpreeAG-Geburtstag
Es war Ende 2002, als eine junge Frau in einem Samstagsseminar an der FU Berlin über den Literaturbetrieb, bei Prof. Dr. Pforte, ich glaube kurz vor der Pause aufstand und sagte: „Hört mal, wenn jemand von Euch Erzählungen schreibt und etwas veröffentlichen möchte, meldet Euch bitte bei mir. Ich möchte eine Prosa-Anthologie beim Igel-Verlag Oldenburg herausbringen und suche Autoren“ – Oder so ähnlich, denn ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber inhaltlich stimmt es. Inklusive mir selbst waren insgesamt sieben junge Menschen diesem Aufruf gefolgt. Noch wenig wusste oder ahnte ich, was es für mein Leben bedeuten sollte, dieser Aufforderung nachzukommen.
Mit diesem Aufruf begann, was heute die SpreeAG ist.
Die Anthologie „Dazwischen liegen Welten“ erschien 2003 und wir stellten sie in Lesungen vor. Als Gruppe trafen wir uns auch weiterhin und besprachen weitere Texte, die wir in unseren Schubladen oder frisch verfasst hatten, und uns wurde bewusst, dass es auch unseren anderen Texten gut tut, sie mit anderen zu besprechen, zu überarbeiten, zu verbessern. Im Laufe dieser Treffen kam immer wieder die Idee auf, sich zu einer festen Gruppe zusammenzuschließen. Aber jedes Ding braucht einen Namen und in einer Brainstormingphase kristallisierte sich SpreeAG (AG steht dabei für AutorenGruppe) heraus.
Im Rahmen unserer „Textwerkstatt“, die wir heute Dialog nennen, entwickelte sich eine Kritikkultur heraus, in der immer der Text im Mittelpunkt steht und nicht der Autor. Ein Prinzip, das wir auch noch heute in unserem SpreeAG-Dialog hochhalten und verfolgen.
Nachdem wir eine Weile nur unter uns geblieben waren, kam André Lottmann mit dem Vorschlag an, einen Verein zu gründen. Der Vorschlag wurde diskutiert, es wurde recherchiert, was man eigentlich braucht, um einen Verein zu gründen. Sein Vorschlag fiel auf fruchtbaren Boden – und ich gebe heute zu, ich war damals nicht so sicher, wozu uns ein Verein nützen sollte und dachte mir, ich mag die Leute und kuck mir das mal mit an.
Was dann schließlich am Abend des 2. August 2005 zur Gründung der SpreeAG als Verein führte und zur Eintragung ins Vereinsregister, alles wunderbar vorbereitet von André Lottmann, der als allererster Erster Vorsitzender der SpreeAG – Verein für Literatur e.V. gewählt wurde.
André, der heute nicht hier sein kann, weil er mittlerweile seinen Lebensmittelpunkt nach Köln verlegt hat, wünscht uns vom Rhein aus, per E-Mail, einen schönen Abend.
Von den neun Gründungsmitgliedern 2005 leben nun einige in Venezuela oder Südafrika, und manche sind deshalb aus dem Verein ausgetreten. Andere sind hinzu gekommen.
Das schlagende Herz der Vereinsarbeit der SpreeAG ist der Dialog. Bei unseren Treffen haben wir neben zahlreichen Wohnzimmern viele weitere Orte kennen gelernt: die ehemaligen Redaktionsräume des GOLDliteraturmagazins im Wedding, das Hinterzimmer der Kneipe „Lange Nacht“ oder die Räume des „Gelegenheiten e.V.“, beide in Neukölln. Seit 2010 treffen wir uns monatlich hier in der Autorenschule Berlin.
Natürlich haben wir auch seit 2003 weitere Lesungen veranstaltet. Sich und die eigenen Texte einem Publikum zu offenbaren, erfordert Mut und Überwindung. Wir erprobten unsere Texte vor immer wieder neuen Zuhörern. Dabei bezogen wir in unsere Präsentationen auch technische oder künstlerische Mittel ein. Es gab Lesungen mit „Weißem Rauschen“, mit „Wörter-Klon“, mit Akkordeon und Gesang. Es gab sogar Unterstützung von Schauspielschülern, um Texte mehrstimmig zu gestalten. Besonders waren auch unsere Tanzlesungen „Takt und Kontakt“ im Garten der St. Michael-Ruine, bei der unsere Texte durch zeitgenössische Tänzer zu einem bunten Bühnenspektakel vertanzt wurden.
Aber all das war uns noch nicht genug Arbeit, denn nun wollten wir auch Ergebnisse des Dialogs und weitere Texte der Mitglieder einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren und auf Lesungen was zu verkaufen haben. Was lag da näher, als eine Literaturzeitschrift aus der Taufe zu heben? – Vermutlich eine Menge, aber wir entschieden uns wenige Monate nach Vereinsgründung diesen Weg zu gehen.
Gut, wir hatten also Texte, eine Idee, wie die Zeitschrift heißen sollte „WILDBROT-WORTBILD“ und das der Text an sich im Mittelpunkt stehen sollte. Keiner von uns hatte damals eine Ahnung, wie man das Projekt „Literaturzeitschrift“ umsetzen sollte, aber der Zufall brachte uns im Juli 2006 mit Falko Mieth zusammen. Falko Mieth ist Fachbereichsleiter und Dozent für Grafikdesign an der BEST-Sabel Fachhochschule für Design in Köpenick. Herr Mieth, der sich gerade im Sommerurlaub befindet und heute nicht hier sein kann, hatte mal wieder Lust, selbst was zu gestalten, was nicht „Werbekram“ war, und so traf unsere Anfrage bei ihm auf offene Ohren. Damit begann eine wunderbare Zusammenarbeit, die seit März 2007 zu bisher 4 Ausgaben von WILDBROT-WORTBILD führte. Nach der ersten Ausgabe nahm Falko Mieth das Projekt „Literaturzeitschrift“ in seinen Unterricht für die Grafikdesignschüler des 5. Fachsemesters auf. Seit der zweiten Ausgabe von WILDBROT-WORTBILD machen sich also seine Schüler Gedanken ums Layout. Ein gutes Dutzend Schüler konkurrieren jeweils um den ersten Preis bzw. „Sieg“, denn es kann ja immer nur ein Layout gedruckt werden.
Von der Kooperation profitieren beide Seiten – BEST-Sabel und die SpreeAG. Daher treten sie auch seit 2008 zusammen bei der Leipziger Buchmesse auf. 2011 war die SpreeAG erstmals an allen Messetagen am Stand der Grafikdesign-Schule durch ein Mitglied vertreten, um WILDBROT-WORTBILD zu verkaufen. Unsere Lesungen auf der Buchmesse – bisher immer samstags –, ließen die sonst durchströmende Masse an Besucher innehalten. Wir machen es wohl richtig.
Ich bin seit Anfang an dabei gewesen, und habe auch in naher Zukunft nicht vor, die SpreeAG zu verlassen. Erst ein anfänglicher Zweifler am ganzen Projekt, bin ich nun ein überzeugter Spreeer – seit 4 Jahren sogar als Erster Vorsitzender. Es geht so weit, dass wo ich geh und steh / denk ich stets SpreeAG / denn es beherrscht meine Gedanken nur / dieser Verein für Literatur. Der Verein ist mir mittlerweile ans Herz gewachsen und die Menschen, die diesen wunderbaren Literaturverein ausmachen, darf ich meine Freunde nennen. Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich damals in einem Seminarraum der FU Berlin dem Aufruf einer jungen Frau gefolgt bin. Danke Melanie Kieroth.
(Rede zum SpreeAG-Geburtstag von Mark Weber am 02.08.2011)


