Dazwischen liegen Welten

Mit der Arbeit an der Prosa-Anthologie „Dazwischen liegen Welten“ hat alles begonnen. Aus der Gruppe der Autorinnen und Autoren, die ihre Erzählungen darin veröffentlichten, ging die SpreeAG – Verein für Literatur e.V. hervor.
Um die Anthologie, die man online bestellen kann, vorzustellen, drucken wir hier einen Auszug aus dem Vorwort von Melanie Kieroth ab.
Vorwort
Die sieben Texte, die im Verlauf des Wintersemesters 2002/2003 entstanden und in zahlreichen Treffen gemeinsam lektoriert und besprochen wurden, beschäftigten sich mit der thematischen Vorgabe: „Das Individuum und die Gesellschaft”. Diese beiden Begriffe werden auf unterschiedliche Weise verarbeitet.
Julia Kandzora: Zwischen Zeit
Julia Kandzora schildert in „Zwischen Zeit” die Situation der 19jährigen Lara, die sich nach der Schulzeit orientieren und in die Gesellschaft einfügen muss. Jedoch bedarf sie fremder Hilfe bei der Suche nach ihrem Platz in einer Welt, auf die sie ablehnend reagiert. Die Hilflosigkeit, die aus ihrer Einsamkeit erwächst und die sie depressiv macht, kann auch ihre Psychologin nicht überwinden. Je mehr sie sich aber auf sich selbst besinnt, desto mehr Energie kann sie sammeln, um ihr Leben schließlich doch in die Hand zu nehmen, ohne sich von falschen Vorbildern beeindrucken zu lassen.
Juliane Knaak: Charlotte
Ähnlich ergeht es der Protagonistin in Juliane Knaaks Erzählung „Charlotte”. Sie leidet unter dem Mangel, nicht miteinander kommunizieren zu können in einer Zeit, in der vielfältige mediale Möglichkeiten zum Gedanken- und Gefühlsaustausch bestehen. Sie durchleuchtet die Familienchronik, hinterfragt die Vergangenheit, nimmt Anteil an dem, was sie erfährt, und ist enttäuscht darüber, dass man ihrem Wissensdurst mit Ignoranz begegnet. Sie kritisiert damit eine Gesellschaft, die unangenehme Themen schlichtweg ausklammert. Die tapfere Eigeninitiative löst sich zunehmend auf, bis die Erzählerin droht, der Haltung der anderen zu verfallen.
Mark Weber: Weitermachen
Ebenfalls eine düstere Stimmung erzeugt Mark Weber in „Weitermachen”, die aus Jims Gefühl der Einsamkeit resultiert und erst durch den Aufbruch aus der Isolation in die Gesellschaft umgewandelt wird. Er erkennt, dass er sich nach dem Verlust seiner Versorger selbst auf die Suche nach Menschen machen muss, die einen ebenbürtigen Stellenwert in seinem Leben erreichen können. Und es gestaltet sich als überraschend einfach, Anschluss an die Gesellschaft zu finden, wenn man nur den Schritt nach vorne wagt.
Laura Dari: Abschied
Die A. aus Laura Daris „Abschied” erklärt, warum sie ihre Individualität aufgab und sich das Leben nahm. Aus der Masse von Menschen, die ihr Tag für Tag begegneten, griff sie einen heraus, für den es sich zu leben und zu sterben lohnte. Gemeinsam mit einem totkranken Menschen aus tiefster Liebe den Freitod zu wählen, ist für Außenstehende schwer nachzuvollziehen, wie A. weiß, aber es war für sie ein schmerzvoller Einsatz um den Preis unendlichen Glücks.
Frank Sorge: Winterdepression
Eine ganz andere Qualität haben die Beziehungen in Frank Sorges „Winterdepression”. Der Erzähler, der zwischen Wunsch und Wirklichkeit lebt, träumt sich in zwei verschiedene Ichs hinein, die zwei unterschiedliche Varianten gesellschaftlichen Lebens vorstellen. Handelt es sich einerseits um einen scheinbar erfolgreichen, chauvinistischen Schriftsteller, der leere, unverbindliche - oder wie er sagt - offene Beziehungen führt, so befindet sich auf der anderen Seite ein Autor, der nicht recht aus den Startlöchern kriechen kann und von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten ist. Verbunden werden die beiden Traumebenen durch die gemeinsame Bekannte, die Winterdepression, die auf das wache Ich aber keinen Einfluss nehmen kann.
Melanie Kieroth: Balance und Ballast
Von Beziehungen handelt auch „Balance und Ballast”, allerdings droht hier ein einst intaktes Gefüge zusammenzubrechen. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit man von außen auf individuelle Probleme eingreifen darf. Die Bereitschaft, Verantwortung für sein eigenes Leben zu tragen und es sinnvoll auszufüllen bleibt hier auf eine Partnerschaft beschränkt, lässt sich aber auf die individuellen Aufgaben innerhalb der Gesellschaft übertragen.
Talon: Matt
Eine absurde Szene stellt Talon in „Matt” dar, in der ein Individuum in eine unglaubliche Situation gerät, die ihm die Sprache verschlägt, so dass es sie erst mühsam wiedererlernen muss. Es befindet sich in Gesellschaft zweier Gestalten, die so mit ihrem Schachspiel beschäftigt sind, dass sie sich den Fragen des Neuankömmlings nicht widmen können. Nachdem dieser seine befremdliche Lage sondiert und die Regeln dieser eigenartigen Welt begriffen hat, kann er diese Regeln durchbrechen und damit seine Freiheit wiedergewinnen.
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