big orange – eine kurzgeschichte

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der tag ist reif. die morgensonne steht kräftig, ja aufdringlich hinter der jalousie. sie drückt sich durch die schlitze. sie hinterlässt auf dem interieur helle streifen. die langen lichtstriche finden sich überall im raum. einer hat sich quer über das bücherregal gelegt. er zerlegt die titel auf den buchrücken in hässliche einzelteile. der fallwinkel ermöglicht es außerdem einigen strahlen, dass sie wie lange stäbe an den wänden stehen.

ich denke über das wort nach: »jalousie«. es bedeutet schlichtweg und ohne große verschleierungen seiner herkunft nach: »missgunst«. gemeinhin war eine jalousie so beschaffen, dass man durch die lamellen hindurch rausschauen konnte. andere hinter dem fenstergitter in augenschein nehmen konnte. die sicht allerdings von der anderen seite, ins innere des raums, verhinderte sie. sie war ein instrument des misstrauens, des missgönnens.

mit meiner jalousie ist das anders. ich kann nicht mit missgunst hinaus in den tag schauen. nicht mehr. der tag ist mir mit seiner aufsässigen morgensonne längst zuvorgekommen.

 

ii

ich sitze an meinem schreibtisch. eine weiße, glatte arbeitsfläche. es ist die einzige stelle im raum, an der das licht keine chance hat. es dringt ein wenig in die schatten der tischkanten. auf der gereinigten, vollkommen weißen platte aber gelingt ihm nichts. hier ist das abgedunkelte seit dem vorabend geblieben. der tisch ist leer. nichts liegt auf ihm. alles scheint unverändert, seitdem ich die jalousie herunterließ. alles unverändert, wiederhole ich. bis auf…

bis auf eine orange. sie liegt mitten auf dem tisch. ich versuche mich zu erinnern, wann ich sie hier gelassen habe. kann mich aber nicht erinnern. nach einem moment bin ich mir sicher, dass ich es nicht war. dass ich sie nicht hierhingelegt habe. wer aber, wenn nicht ich?

eine orange. auf den ersten blick so groß wie ein tennisball. mit einem verstümmelten, aber außerordentlich dicken stiel, möchte ich meinen. sie liegt auf der weißen arbeitsplatte. dem einzigen ort im raum, der sich von den lichtstreifen fernzuhalten imstande ist. sie gehört da nicht hin. das denke ich. zumindest gibt es keinen grund dafür. sie liegt dennoch dort. stolz. ja, stolz. man muss es so sagen.

ich betrachte sie. als käme ich ihrem ursprung dadurch auf die schliche. ich krümme mich. schiebe den kopf vor. komme ihr näher. von der seite prüfe ich sie. von links. dann von rechts. von hinten. von vorne. als würde sie mir ihr geheimnis verraten. ich nehme ihren geruch wahr. ich mustere ihre oberfläche. ich nehme ihre position auf dem tisch in betracht. es besteht kein zweifel. es handelt sich um eine orange. keine mandarine. keine pampelmuse. vor mir liegt eine gewöhnliche orange. mehr als deutlich.

[...] mehr siehe WILDBROT-WORTBILD, Asugabe 3]