Glück und Zufriedenheit

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Er hatte immer viel Verständnis für ihre Wünsche gezeigt und sie in allem unterstützt. Seine berufliche Absicherung garantierte ihr künstlerische Freiheit. Literatur stand ihm genau so fern wie alles andere Schöngeistige. Er war Pragmatiker und Techniker – kein Ästhet. Zwar war er ihr erster Leser, wenn sie die Arbeit an einem neuen Text beendet hatte, aber seine Kritikfähigkeit war begrenzt. Er konnte ihre Ergebnisse nur aus der Sicht des unbedarften Lesers beurteilen, der ohne gezielte Aufforderung solche Texte nicht zur Kenntnis nehmen würde.
Er ließ sie gewähren, obwohl sich kein Erfolg einstellen wollte. Er setzte sie nicht unter Druck, weil sie keine beruflichen Fortschritte machte. Er begleitete sie zu ihren Lesungen, betrachtete sie dann halb peinlich berührt, weil er sie sonst nicht so erlebte, aber doch auch halb stolz, wenn das Publikum erlösend Applaus spendete. Über ihre Texte wurde anerkennend gesagt, dass sie die Ambivalenz des Lebens, wie es sich heute darstelle, deutlich machten.
Dieser Ehemann in seinen leitenden Unternehmensfunktionen war es, der eines Nachts aufstand und seine Frau, die er versehentlich geweckt hatte, mit den Worten beruhigte, er könne nicht schlafen, weil ihm eine Geschichte durch den Kopf gehe, die er nun aufschreiben wolle. Sie schmunzelte über dieses untypische Verhalten und schlief wieder ein.
Am nächsten Tag präsentierte er seine sprachlichen Ergüsse der letzten Nacht, und sie las sie sich geduldig und aufmerksam durch. Wieder schmunzelte sie liebevoll, sagte, sie fände die Geschichte gar nicht so schlecht geschrieben, obwohl sie der Inhalt weniger reize.
Nach einigen Wochen und weiteren schlechten Erfahrungen mit der Verlagswelt ihrerseits offenbarte er ihr die Fortsetzung der nächtlichen Geschichte, aus der ein romanstarker Bericht geworden war. Sie zeigte sich beeindruckt – weniger von der literarischen Qualität, als vielmehr von seinem überraschenden Durchhaltevermögen, mit dem er wohl noch viel weniger gerechnet hatte.
In seinem Buch hatte er seine Alltagswirklichkeit im Betrieb verfremdend geschildert und so lernte sie auf eine andere Weise das Leben ihres Mannes kennen. Ob das auch andere Leser interessieren würde, fragte er sie. Ob man das einem Verlag anbieten könne, wollte er von ihr wissen. Sie hätte doch Kontakte. Und Erfahrungen. – Ja, sie habe Kontakte, die ihr genau so wenig weiterhelfen würden wie ihm, und sie habe eine Menge Erfahrungen gesammelt, wie man sein Ziel verfehlt. Sie wolle ihm keine falschen Hoffnungen machen. Aus Respekt und Freundlichkeit bot sie aber an, sich für sein Buch einzusetzen und es auf dem Literaturmarkt anzubieten.
Sie hatte gute Einfälle, um sein Buch ansprechend anzupreisen, und es gelang sogar sehr schnell, einen Verlag dafür zu finden. Es wurde in einer hohen Auflage gedruckt, und der Verfasser erhielt ein beachtliches Honorar. Seine Frau begleitete ihn auf seiner Lesereise und beide genossen die positive Resonanz auf sein Werk, auch wenn sich bei ihr eine gewisse Wehmut einstellte.
Wann denn mit seinem nächsten Roman zu rechnen sei, wurde er von der Presse gefragt. – Er sei kein Schriftsteller, antwortete er darauf, ein zweites Buch sei eher unwahrscheinlich. Und dann schmunzelte er und sagte, er wolle das Schreiben nun wieder denjenigen überlassen, die dafür geboren seien.