Profil: Melanie Kieroth

Obwohl ich kurzsichtig bin, ist für mich das Fernsehen typisch. Damit meine ich, Situationen als Unbeteiligte wahrzunehmen, als bloße Beobachterin. Mit dem Gefühl, selbst nicht vorhanden zu sein. Daraus ergibt sich der Eindruck, das Geschehen sei nur Illusion.

Als Kind haben meine Eltern und andere Familien mit kleinen Kindern mal einen Ausflug gemacht zu einer verschneiten Kuhwiese. Die Kinder schwangen sich auf ihre Schlitten und sausten hinunter. Ich stand oben am Hang, sah ihnen zu und teilte ihre Freude, wäre aber nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen mitzumachen. Bis sich meine Mutter zu mir umwandte und mich beschimpfte, mit mir könne man ja nichts anfangen, immer würde ich mich ausschließen, warum sei ich bloß zu feige zum Schlittenfahren, die anderen Kinder würden sich doch auch nicht so anstellen. Hatte ich mich eben noch in sicherer Unsichtbarkeit gewähnt, wurde ich durch die Ansprache meiner Mutter urplötzlich meiner Tarnung beraubt. Schockiert über den Wechsel meines Aggregatzustandes war ich zunächst zu keiner Reaktion in der Lage. Diese Lähmung hielt an, bis mich eine gleichaltrige Freundin auf ihren Schlitten einlud.

Typisch für mich ist auch, das Gefühl zu haben, alles um mich herum könnte seine eigene Geschichte erzählen. Jeder Gegenstand war in meiner kindlichen Vorstellung lebendig, war mit allen Sinnen und einem Verstand ausgestattet. Wenn selbst Stühle und Tische, Wände und Fußböden nach dieser Definition lebendig waren, dann hatten Stofftiere, die Krone der Dingschöpfung, sogar ihre eigene Persönlichkeit und ihren eigenen Willen.

Wenn ich mir beispielsweise am Wohnzimmertisch den Kopf stieß, glaubte ich, die Glastür hatte den Unfall gesehen, es der Wand erzählt, die es wiederum der Treppe verriet usw. Und wenn ich vor Schmerzen heulend oben in meinem Kinderzimmer ankam, wusste mein Zimmer längst Bescheid und ich brauchte meine Tränen nicht zu rechtfertigen. Ich fühlte mich also einem permanenten Publikum gegenüber, aber das beruhigte mich.

Mein Vater sagte mir später, wenn ich sehen würde, wie lieblos Stofftiere in den Fabriken zusammengeschustert würden, würde ich sie sicher nicht mehr für lebendig halten. Aber davon ließ ich mich nicht überzeugen.

Typisch ist auch, alles was ich sehe oder höre, in kleine Geschichten zu kleiden. Mich in andere hinein zu versetzen und fremde Rollen auszuprobieren.

In der ersten Klasse habe ich, wenn wir in den großen Pausen dazu verpflichtet waren, uns draußen auf dem Schulhof aufzuhalten, nicht mit den anderen Kindern gespielt. Ich habe den jeweiligen aufsichtsführenden Lehrer beobachtet, wie er gemächlich im Kreis über den Schulhof spazierte, und habe so getan, als sei ich selber einer, der über seine Schüler nachdenkt. Und habe mir umherwandelnd halblaut Geschichten aus dem Unterricht erzählt. Es hat mich nie einer gefragt, was ich da rede.

Da ich damals keinen Zugang zur Wirklichkeit gefunden habe, blieb mir nichts anderes übrig, als meine eigene Fantasiewelt zu schaffen, deren Möglichkeiten und Grenzen ich selbst festlegte. An dem, was ich wirklich sah, konnte ich nicht teilhaben. In meiner Fantasiewelt fühlte ich mich wohl.

Wenn das Erfinden von Geschichten, die einen unbeteiligten Erzähler haben und eine Reihe von Figuren vorstellen, Literatur ist, dann kann man sagen, dass die Literatur mir schon Geborgenheit gab, bevor ich Lesen und Schreiben konnte.

Um aus diesem Kindheits-Delirium wachgeküsst zu werden zog ich 1999 nach 19 braven Jahren in Paderborn nach Berlin, und begann dort als Ausdruck meiner Überzeugung, dass Kunst und Leben eng zusammengehören, mein Studium der Fächer Neuere deutsche Literatur, Neuere Geschichte und Theaterwissenschaft. Inspiriert von der bunten Wirklichkeit der Großstadt gestaltete ich meine Fantasie neu und kleidete sie in eine Fülle von Dramen, Drehbüchern, Hörspielen, Erzählungen und Romanen. Der Stoff scheint nicht ausgehen zu können. Aber im Gegensatz zu früher, als die Geschichten nur für mich bestimmt waren, versuche ich jetzt, andere in meine Fantasiewelt zu entführen.