Vielflieger
Bevor er den Raum verließ, hielt sie ihn zurück, da ihm etwas heruntergefallen war. Sie bückte sich und hob seinen Reisepass auf. Er hatte sich aufgeklappt und sie las das Geburtsdatum: er war erst sechzehn und nicht achtzehn, wie sie gedacht hatte. Egal. Sie reichte ihm ohne ein weiteres Wort seinen Pass, und er verließ die Behindertentoilette. Sie schloss hinter ihm ab und stellte sich vor den Spiegel, um ihr Make-up aufzufrischen. Sie mochte schnelle Nummern auf Flughafentoiletten, aber nur auf den Behindertentoiletten, da dort mehr Platz und Privatsphäre war. Der Junge von eben war der Jüngste, mit dem sie es je auf einer Toilette getan hatte, der Älteste zweiundsiebzig. Sie nahm sich, wonach ihr war.
Sie hatte es schon auf vielen Flughafentoiletten in der ganzen Welt getan, sie war beruflich viel unterwegs. Sie ging immer gleich vor: stets checkte sie drei Stunden früher als notwendig ein und begutachtete das Angebot an männlichen Reisenden. Immer waren es Alleinreisende, die sie sich weit entfernt von ihrem eigenen Gate aussuchte. Wenn ihr einer gefiel, flirtete sie mit ihm. Zuerst mit Blicken, denen schon bald eindeutige Handsignale folgten. Dann stand sie auf, lief zu einer Behindertentoilette und wartete dort. Sie genoss die Spannung bis sich die Tür öffnete und ihr Auserwählter hinter sich die Tür verriegelte. In all den Jahren seit sie es tat, hatte sie noch nie vergeblich warten müssen. Die Unverbindlichkeit danach mochte sie auch sehr. Es waren keine langen Reden oder Abschiede notwendig, ein letzter Kuss und man sah einander nicht wieder.
Warum es ihr so leicht fiel, Männer zu einer schnellen Toilettennummer zu animieren, war ihr manchmal selbst ein Rätsel. Sie kämmte sich die Haare und zog ihren Lippenstift nach. Ja, sie achtete auf ihr Aussehen, aber für eine umwerfende Schönheit hielt sie sich nicht: mittelgroß, mittelschlank, mittellanges dunkelblondes Haar. Nichts, was als außergewöhnlich attraktiv durchgehen würde. Zumal sich bei ihr die Folgen des Alterns immer deutlicher zeigten: ihre achtunddreißig Jahre hatten Spuren um ihre Augen, auf ihren Händen, an ihren Brüsten und Oberschenkeln hinterlassen. Auch der Hintern war nicht mehr ganz so knackig wie früher. Sie grinste sich im Spiegel an. Vielleicht war es ja ihr Lächeln, das es ihr ermöglichte, jeden zu bekommen, den sie wollte. Ihr Lächeln war noch genau dasselbe, das sie schon mit sechzehn besaß, aber erst mit achtzehn richtig einzusetzen gelernt hatte.
Das benutzte Kondom lag oben auf Papiertüchern im Abfall. Sie hatte es ihm gegeben, denn er hatte keines dabei gehabt, wohingegen sie nie ohne reiste. Ihr gefiel es mit einem Fremden auf dem Klo zu ficken, aber sie war nicht so dumm, es ohne Gummi zu tun. Sie wusch sich die Hände und bedeckte das Kondom mit weiteren Papiertüchern. Sie sah auf die Uhr. Es blieben ihr noch dreißig Minuten, bis sie ihr Flugzeug besteigen würde dürfen. Sie strich sich den Rock glatt und schloss einen Knopf an ihrer Bluse, den sie übersehen hatte. Nach einem letzten Blick in den Spiegel, alles in Ordnung, griff sie ihre Handtasche und Handgepäck und lief gemächlich zu ihrem Gate. Selbst als sie sich dort in einen der Wartesessel setzte, spürte sie noch das warme, wohlige Kribbeln in ihrem Unterleib, das sie immer nach dem Sex spürte, und die Entspannung.
Ihr Flug war einer der letzten des Tages. Glücklicherweise ein Inlandsflug. Dennoch würde es spät werden, bevor sie Zuhause in ihrem Bett liegen würde, zumal sie auf ihren Koffer immer lange warten musste, denn sie kam ja immer so früh zum Flughafen, dass ihr Gepäck als eines der ersten ein- aber als eines der letzen ausgeladen wurde.
Sie zog ihren Rollkoffer hinter sich her zum Taxistand. Der Fahrer verstaute das Gepäckstück im Kofferraum, während sie auf dem Rücksitz Platz nahm. Sie nannte ihm ihre Adresse, lehnte ihren Kopf an die Fensterscheibe und schloss die Augen, damit sie nicht mit dem Fahrer ein Gespräch führen musste.
Das Taxi hielt und der Fahrer nannte ihr die Summe. Sie gab ihm ein ordentliches Trinkgeld, da er erst gar nicht versucht hatte, sie während der Fahrt auszufragen. Er holte ihr den Rollkoffer aus dem Kofferraum und fuhr erst an, als sie an der Haustür war. Ohne das Licht einzuschalten, stellte sie ihren Koffer in einer Nische im Flur ab, schaute nach ihrem schlafenden Sohn und legte sich zu ihrem Mann ins Bett.
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