Facetten der Liebe
Veröffentlicht von Mark Weber am 2. Oktober 2011 - 21:53
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Das Rauschen des Windes weckte ihre Sehnsucht nach ihm. Sie schloss ihre Augen und lauschte. Dabei holte sie Erinnerungen an ihn aus ihrem Gedächtnis: sein wunderbares Lachen, seine wilden Haare am Morgen, den Klang seiner Stimme, seine warme, weiche Haut, seinen Geruch, seinen Geschmack. Sie lächelte, aber es rannen auch Tränen, die sie ungehindert fließen ließ. Sie vermisste ihn schrecklich. Und ganz besonders dann, wenn sie wie jetzt zuviel Zeit hatte, an ihn zu denken: in den Abendstunden kurz vor dem Schlafengehen. Es half ihr nicht, sich Fotos von ihm anzusehen. Sie wollte ihn berühren, spüren, dass er ihr nah war. So wie damals.
Warum habe ich bisher in all meinen Beziehungen noch nie so stark empfunden wie diese Frau? Vielleicht hatte ich bisher zu wenige. Sind vier ernste Beziehungen eigentlich zu wenig, wenn man auf die Dreißig zusteuert? Ist da was schiefgelaufen?
Meine erste Freundin war Annika, damals war ich fünfzehn. Wir gingen in dieselbe Klasse und waren uns erstmals bei einer der vielen Partys nähergekommen. Der erste Kuss erfolgte zu „Bright Eyes“. Damals liefen die Kuschelrock-CDs immer rauf und runter. Ich erinnere mich noch an Annikas Augen, sie waren braun, aber was mich damals am stärksten an ihr faszinierte, war, dass sie so anders, so viel besser roch als alle anderen. Wir gingen, ja ich glaube es waren so insgesamt vier Monate miteinander. Miteinander gehen, sagt man das überhaupt noch? Es klingt so unbeschwert, allerdings auch unverbindlich. Genaugenommen war es auch unverbindlich. Wir hatten uns geküsst und rumgemacht, aber als sie dann mit mir schlafen wollte, hatte ich nein gesagt. Kurz darauf hatte sie dann unsere Beziehung beendet und war mit einem anderen gegangen, der nicht so ängstlich gewesen war. Dass sie mein Nein rumerzählt hatte, hatte es für mich schwierig gemacht, in den letzten Jahren auf der Schule überhaupt Verabredungen zu bekommen.
Das Rauschen des Windes in den Bäumen erinnerte sie an die Wellen des Atlantiks. Vor nicht einmal zwei Jahren war sie dort eine zeitlang glücklich gewesen. Sie hatte Urlaub gemacht und sich verliebt. Diese Liebe war es, die sie jetzt vermisste. Er lebte in Irland und sie in Delhi. Sie mochten sich immer noch sehr gern, aber da sie sich nicht sehen konnten, war die Leidenschaft zwischen ihnen abgekühlt. Sie waren jetzt mehr Freunde als Liebende. Obwohl sie einander sehr vermissten, lebte jeder sein Leben auf der anderen Seite der Welt. Sie trugen einander noch im Herzen, würden den anderen niemals daraus entfernen wollen, doch der Alltag nagte an ihnen. Dringendere Dinge drängten sich in den Vordergrund und nahmen nach und nach den Raum ein, der von ihrer Liebe Millimeter um Millimeter freigegeben wurde.
Die zweite wichtige Beziehung hatte ich dann im ersten Semester an der Uni. Sie war ein paar Jahre älter und hieß Nadine. Sie hatte mich nach einem Tutorium auf ein Bier eingeladen und noch in derselben Nacht schlief ich das erste Mal mit einer Frau. Neben Unterricht in Sex, gab sie mir immer wieder Bücher zu lesen, Heiner Müller insbesondere. Das war ihr Liebling, aber ich konnte nicht viel mit ihm anfangen. Sie schleppte mich in Theateraufführungen, von denen die meisten mich unheimlich langweilten. Es war ziemlich anstrengend mit Nadine mitzuhalten, aber der Sex mit ihr entschädigte für manches. Wir hatten insgesamt eine schöne Zeit, auch mit ihren merkwürdigen intellektuellen Freunden, aber als sie nach fünf Monaten anfing immer häufiger von Kindern und vom Heiraten zu reden, bekam ich Angst und beendete unsere Beziehung. Ich war dafür noch nicht bereit. Wir hatten ja nicht mal zusammen gewohnt und sie plante bereits unsere Zukunft. Hatte ich sie geliebt? Ich denke schon. Aber auch nicht so intensiv wie die indische Frau ihren irischen Freund.
Sie redete sich ein, wenn sie nur fest genug daran glauben würde, dass sie zumindest von ihm Träumen würde können. Morgens erinnerte sie sich jedoch kaum an die Träume der letzten Nacht und wenn doch, war keine Spur von ihm darin gewesen. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr verzweifelte sie an der Situation.
Kurz nachdem ich mich von Nadine getrennt hatte, lief mir Marion auf der Party eines gemeinsamen Freundes über den Weg. Sie war bisher vielleicht die intensivste aber auch kürzeste Beziehung, die ich hatte. Ich hatte mich gleich für sie interessiert. Sie war wunderschön und strahlte eine riesige Lebensfreude aus. Allerdings gab es da einen Haken, und der hieß Frank. Sie war schon seit ein paar Jahren mit ihm zusammen, sie teilten sich sogar eine Wohnung. Das erfuhr ich alles von meinem Freund, dem ich gegenüber erwähnt hatte, dass sie mir gefiel. Zu dumm, da traf ich endlich auf eine Frau, die mich so sehr faszinierte und interessierte wie keine andere zuvor, und dann war sie in festen Händen. Jedoch sollte sich zeigen, dass Franks Hände vielleicht gar nicht so fest waren.
Eines Abends teilte mir mein Freund mit, dass sich Marion und Frank getrennt hätten und er gab mir Marions Telefonnummer. Ich rief bei ihr an und sie erinnerte sich tatsächlich an mich. Wir verabredeten uns. Man, war ich nervös gewesen, doch das legte sich schnell, als ich etwas mehr Zeit mit ihr verbrachte. Sie redete überhaupt nicht von Frank, sondern nur von sich und war sehr an mir interessiert. Na gut, vielleicht redete sie auch von Frank, mag sein, nur daran erinnere ich mich nicht. Sie fragte mich aus und ich erzählte ihr bereitwillig alles. Selbst ein paar Geheimnisse, die ich bisher niemandem verraten hatte. Ich ließ sie so nah an mich heran, wie nie jemanden zuvor. Doch es hielt nicht lange mit uns beiden. Wir hatten eine stürmische Affäre, aber nach drei Wochen ging sie zu Frank zurück. Ich weiß bis heute nicht warum. Lange hatte ich Marion noch nachgetrauert. Das letzte, was ich über sie gehört hatte, war, dass sie mittlerweile sie Mutter geworden war.
Er hatte ihr per E-Mail mitgeteilt, dass er jetzt mit einer Frau zusammenleben würde, einer, die sie nicht kennen würde. Das hatte sie hart getroffen, doch sie wünschte ihm viel Glück und alles Gute. Sie sagte sich: „Hauptsache, er ist glücklich.“ Das meinte sie aufrichtig. Auch wenn sie insgeheim der Meinung war, mit ihr wäre er noch glücklicher, wünschte sie ihm nur das Beste.
Sie wünschte sich, dass sie auch weitermachen können würde, aber sie hatte sich seit ihm auf keinen anderen Mann mehr so sehr einlassen können, wie sie es bei ihm getan hatte. Es steckte noch zuviel von ihm in ihr. Das ärgerte sie hin und wieder, doch die guten Erinnerungen besiegten ihren Zorn. Schließlich hatte er ihr gezeigt, was Liebe bedeutet, bedeuten kann. Zusammen hatten sie sich Welten erschlossen, die sie vor ihm nur geahnt hatte.
„Entschuldigen Sie, aber Sie sitzen jetzt schon seit zwanzig Minuten hier, ohne etwas bestellt zu haben.“
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich noch jemanden erwarte.“
Der Kellner sah mich mit hochgezogener rechter Augenbraue an.
„Dann bringen Sie mir ein Glas Rotwein, wenn Sie das glücklich macht.“
„Wie Sie wünschen“, er trottete von dannen.
Wo war ich? Ach ja. Nach Marion schwor ich für eine Weile den Frauen ab und beendete mein Studium, mit ganz ordentlichen Noten. Einen Job zu finden war dann gar nicht so einfach. Über viele Praktika landete ich schließlich bei einer kleinen Filmfirma. Es gefällt mir dort.
„Bitte sehr. Ihr Wein. Haben Sie noch einen Wunsch?“
„Nein. Erst wenn mein Gast eingetroffen ist.“
Diesmal ging der Kellner ohne Grimasse, jedoch schien er mir immer noch nicht zu glauben, dass ich hier auf jemanden wartete.
Ich warte, aber nicht auf irgendjemand, sondern auf eine Frau, mit der ich mir durchaus vorstellen kann, länger zusammen zu sein, vielleicht sogar eine gemeinsame Zukunft zu haben. Ihr Name ist Greta. Ich weiß allerdings nicht so genau wie sie empfindet, sie ist in diesen Dingen verschlossener als ich. Jedoch scheint sie unsere gemeinsam verbrachte Zeit in demselben Maße zu genießen. Aber bei Frauen blicke ich ja oft nicht durch. Manchmal habe ich das Gefühl genau zu wissen, was sie meint, doch dann finde ich heraus, dass sie genau das Gegenteil meinte. Sie schafft es regelmäßig mich dumm aussehen zu lassen, ist mir deswegen aber nie böse. Ich ihr auch nicht.
Nein, wenn sie auf etwas Böse war, dann auf die riesige Entfernung, die zwischen ihnen lag. Es war einfach zu dumm, dass sie soweit voneinander ein Leben führten, das es nicht ermöglichte, am selben Ort zu sein.
Wir hatten eine Phase in unserer Beziehung, in der es nicht so gut lief. Greta ging beruflich für ein halbes Jahr nach Kalifornien. Ich vermisste sie unheimlich und spürte erstmals Eifersucht in mir, da sie mir ständig von ihrem dortigen Kollegen Derek erzählte und schrieb. Bis heute glaube ich, dass da etwas zwischen den beiden vorgefallen war, selbst wenn sie es bis heute abstreitet. Ob tatsächlich oder nicht, Derek hatte einen Schatten auf unsere Beziehung geworfen. Einen Schatten, der mich beinahe ins Bett einer Kollegin getrieben hätte, die immer ein offenes Ohr für meine Sorgen hatte.
Glücklicherweise habe ich dem Verlangen nicht nachgegeben, denn das hätte vermutlich das Ende zwischen Greta und mir bedeutet.
Wo sie nur bleibt? Oh, eine Kurzmittelung: „Tut mir leid, dauerte länger im Büro. Bin in ca. 10 min. da. Bussi G.“
Ich weiß nicht, wie oft ich ihr schon gesagt habe, dass ich das Wort Bussi nicht mag… – und schon wieder lässt sie mich warten. Das macht sie in letzter Zeit sehr gern. Vielleicht ist das ihre Rache dafür, dass ich sie am Anfang oft habe warten lassen. Ich nahm es damals nicht so genau mit Uhrzeiten. Mittlerweile hat Greta mich dazu gebracht, überpünktlich zu sein, während sie sich nun verspätet.
Sie bereute nicht, ihn kennengelernt zu haben, er war das Beste, was ihr je passiert war, aber manchmal, in so einer Nacht wie dieser, lag sie oft stundenlang wach und dachte darüber nach, was gewesen wäre, wenn sie ihn nicht kennengelernt hätte. Vielleicht würde sie jetzt mit jemand anderem, jemand der in der Nähe lebte, das erleben, was sie für eine kurze Zeit mit ihm erleben durfte. Vielleicht müsste sie sich dann nicht mit Begehren, Vermissen und Sehnen auseinandersetzen, sondern könnte in vollen Zügen die Liebe genießen – oder aber sie wäre immer noch so dumm und unerfahren und hätte bis heute nicht gewusst, wie schön es ist zu lieben und geliebt zu werden.
„Was liest du denn da?“ fragte mich Greta und ich sah auf.
„Eine Liebesgeschichte“, antwortete ich ihr.
„Haben die Herrschaften schon gewählt?“ fragte der Kellner.
„Ich nehm auch ein Glas Rotwein – “, sagte Greta und studierte die Karte.
„Für das Essen brauchen wir noch etwas Zeit“, grinste ich ihn an.
„Kein Problem.“
„Und, wie war dein Tag?“, fragte ich Greta.
„Ach, weißt du, ich weiß gar nicht, warum die Maier noch nicht gefeuert wurde. …“
Was jetzt folgte, kannte ich zur Genüge. Sie ließ den Dampf bei mir ab, der sich den ganzen Tag über bei ihr aufgestaut hatte. Und immer hatte das mit ihrer Kollegin zu tun, die ungeheuer inkompetent sein musste, wenn alle Geschichten über sie wahr waren. Ich hörte allerdings nicht mehr so genau hin, wenn Greta damit loslegte. Der Inhalt war ja doch meist derselbe. Stattdessen beobachtete ich Gretas Mimik, wenn sie damit anfing und setzte ein interessiertes Gesicht auf. Auch jetzt redete sie sich wieder in so Rage, dass ihre Wangen sich rötlich färbten. Als sie sich dem Ende näherte, holte sie tief Luft. Das war für mich das Zeichen, ihr wieder meine volle Aufmerksamkeit zu widmen.
„So, jetzt wo das raus ist, kann ich den Abend genießen“, sagte sie. „Stört es dich eigentlich, wenn ich immer erst ventilieren muss?“
„Nein“, log ich. „Weißt du inzwischen, was du essen möchtest?“ Ich hatte gesehen, dass sich der Kellner unserem Tisch näherte und wollte ihn schnell loswerden.
„Ja, du auch?“
„Schon seit einer halben Stunde.“
Während er unsere Bestellung aufnahm, bemerkte ich, dass er Greta ein paar Mal in den Ausschnitt blickte. Das gefiel mir ganz und gar nicht, obwohl es häufig vorkam, dass fremde Männer ihr nachsahen und oft ihre Blicke nicht von ihr lassen konnten. Manchmal kam es mir so vor, dass sie es von sich aus sogar provozierte, denn Greta weiß ganz genau, wer sie ist und ist sich ihrer Wirkung durchaus bewusst. Ich bewundere ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstsicherheit mit der sie durch die Welt geht. Sie ist so … erwachsen.
„Und wie war dein Tag?“
„Ach, so wie immer“, entgegnete ich. „Ich habe ein paar neue Zeilen geschrieben, willst du sie hören?“
„Hat dich das jemals daran gehindert sie mir vorzutragen?“
„Also gut: Bad der Gefühle: / Immer wenn ich denke / zwischen uns läuft es großartig / lässt du mich / auf dem Stöpsel sitzen.“
„Du hast zu viel Zeit bei deiner Arbeit“, sie lächelte. „Meinst du damit uns?“
Bevor ich antworten konnte, unterbrach uns der Kellner und brachte uns unsere Bestellungen. Der Kerl ging mir wirklich auf die Nerven, mit seiner ganzen Art wie er Greta anstarrte.
„Hast du was?“, bemerkte Greta.
Ich sah sie an und beruhigte mich umgehend. Oft genügt ein Blick von ihr und ich vergesse alles um mich herum. Sie weiß ganz genau, welchen Knopf sie bei mir drücken muss. Unheimlich, als könnte sie meine Gedanken lesen. „Ich liebe dich“, sagte ich ein wenig zu laut und war von der Vehemenz meiner Aussage überrascht. Andere Gäste und auch der Kellner drehten ihre Köpfe in meine Richtung.
„Ich dich auch.“
Ihre Bestätigung meines Gefühls war überwältigend. Auf einmal sah ich zum ersten Mal in meinem Leben völlig klar: Greta musste ich festhalten und durfte sie nicht gehenlassen. Irgendein Schalter hatte sich in mir endlich umgelegt und das Bild war plötzlich gestochen scharf. Nicht meine bisherigen Freundinnen waren Schuld daran, dass ich noch nie so intensiv geliebt hatte, wie die Frau aus der Geschichte, die ich gerade gelesen hatte. Nein, ich war an allem Schuld. Möglicherweise nicht allein, aber plötzlich verstand ich. Ich griff nach Gretas Hand und stellte ihr die Frage, die mein Leben verändern sollte, deren positive Antwort auch mich zu einem Erwachsenen machen würde.
Als etwas Zeit vergangen war, trat plötzlich ein anderer Mann in ihr Leben. Sie hatte ihn nicht gesucht, er war plötzlich da. Obwohl sie noch immer an ihren entfernten Freund hing, ließ sie sich auf ihn ein. Zu Beginn war sie sehr vorsichtig, aber er war sehr geduldig und drängte sie zu nichts. Mit kleinen Schritten schaffte er es, ihr Herz zu reinigen und für sich einzunehmen.
Es gab zwar immer noch Tage und Nächte an denen sie an ihren Iren dachte, aber er war nicht mehr so wichtig. Er war da, aber er wurde mehr und mehr zu einer lieben Erinnerung. Zu einer Geschichte, die sie ihren Kindern erzählte, wenn sie wissen wollten, was Liebe ist.
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