Profil: Juliane Knaak

Als ich 1977 geboren wurde, war der Autor schon gut zehn Jahre tot. Die Welt, der Mensch als Subjekt, alles zerfiel in Zeichen und die Wirklichkeit verpuffte in diskursiven Machtstrukturen. Wenn ich dreizehn Jahre später gewusst hätte, dass sich die Bedeutung jener Zeichen durch die Abwesenheit jeglicher Form von Bedeutung manifestiert, dass ich niemals mit mir selbst identisch sein kann, ebenso wenig wie der Inhalt eines einzelnen Wortes der Sprache, in der ich unweigerlich gefangen bin, jemals zu einer Übereinstimmung kommt, und somit die Suche nach Sinn und Verständnis zu einem nie stillbaren Begehren werden würde, hätte ich wahrscheinlich nie mit dem Schreiben angefangen. Das Gespür für die eigene, die innere wie äußere Zerrissenheit war zweifellos schon vorhanden, doch äußerte sich diese noch nicht in Zweifeln daran, mit Hilfe von Worten, Wege zu mir und anderen zu finden. Während meiner noch andauernden Versuche, Philosophie, Soziologie und später Literatur- und Erziehungswissenschaften zu studieren, wurde ich mehr und mehr mit einem zum Teil sehr wenig reflexiven Umgang mit jenen Theorien konfrontiert, die alles, jeden und damit auch sich selbst jegliche Möglichkeit einer Bestimmbarkeit genommen hatten. Der Abstand zwischen meinem eigenem Nichtsein und der Unfassbarkeit der Zeichen löste sich vollends auf und wuchs gleichzeitig auf das Unermesslichste. Wenn ein Wort nie mehr ist als eine willkürliche Zusammensetzung von Buchstaben und das, was hinter ihm stehen könnte in seinem Nichtvorhandensein unauffindbar ist, dann werden Sprechen und Schreiben, vielleicht sogar Denken und Fühlen zu unlebbaren und somit zu überflüssigen Daseinsformen. Die Krise mündete in dem Wunsch, sich der Welt und vor allem der Sprache zu entsagen und gleichzeitig in dem Bedürfnis, das Unmögliche hinaus zu schreien, auf dass es das Schweigen erfahrbar machen könnte. Ich weiß nicht, ob es viele Wege aus der Zerstörung gibt, die in ihrer theoretischen Unvereinbarkeit ebenso illusionistisch wie trügerisch, und in meinem Fall auch höchst unproduktiv ist. Was letztendlich bleibt, ist die Flüchtigkeit zwischen einem Wort und dem Moment, auf das es verweist. So hart das auch sein mag, es ist auch eine Chance, vor allem die der Kunst. Es ist ein Spiel der Annäherung und Aneignung, der Ablehnung und Verzweifelung, es ist ein Ort, an dem man verweilen kann, an dem man sucht und findet, an dem man sich verliert und wieder zusammensetzt. Schreiben ist wie das Leben. Es ist einsam und quälend. Aber es ist auch eine Berührung auf vielerlei Ebenen, zuweilen sogar eine mit einem Gegenüber. Es ist ein Angebot, sich der Grenze des Sagbaren anzunähren, sie zu unterlaufen, sie immer wieder aufs Neue auszukundschaften und zu bezweifeln.