Die Fahrt
Veröffentlicht von Björn Arnold am 4. Mai 2010 - 13:17
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In einer Autovermietung in Berlin.
"Guten Tag, was kann ich für Sie tun?"
"Ich würde gern ein Auto bei Ihnen mieten."
"Welches darf es denn sein? Wir haben da noch einen Golf GTI, Chevrolet und einen Manta."
"Mir genügt der Golf. Einen Großen habe ich nicht nötig."
"Okay, dann bräuchte ich bitte Ihren Führerschein, und Ihren Ausweis."
"Hier bitteschön."
"Danke."
(Nach wenigen Minuten der Aufnahme der Personalien)
"Wie lange wollen Sie das Auto mieten?"
"2 Wochen."
"Bleiben Sie innerhalb des Landes?"
"Nein, ich möchte nach Amsterdam."
"Dann macht das EUR 250,75. Zahlen Sie bar oder mit Karte?"
"Ich zahle bar."
"Bitteschön, Ihre Rechnung, die Fahrzeugpapiere und der Autoschlüssel. Das Auto steht um die Ecke, ungefähr 50 m. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt."
Tjorben Baeskau, 39 Jahre, genetisch bedingt 10 Jahre jünger aussehend, sonst durchschnittlicher Typ nimmt Papiere und den Schlüssel ab, verabschiedet sich freundlich und macht sich auf den Weg zum Auto, das wirklich nicht weit von der Autovermietung geparkt steht.
"Gelb",sagt Baeskau etwas konsterniert. "Warum denn nicht gleich pink oder orange?", mosert er etwas abschätzig über den Anstrich des Wagens. "Na ja, Hauptsache, es fährt." Baeskau steckt den Schlüssel ins Schloss der Wagentür, dreht ihn und mit einem Plopp öffnet sich die Tür mit einem unschönen Gänsehaut generierendem Knarren und Quietschen. "Na super! Bei dem steht wohl nicht nur die nächste, sondern vor allem die letzte Ölung an. Wenn der jetzt auch nicht anspringt, dann werd' ich bekloppt", sagt Tjorben jetzt etwas gereizt. Doch die aufgeregten Zweifel an die Funktionstüchtigkeit des Wagens erweisen sich als unbegründet. Als Tjorben den Schlüssel zum Starten des Wagens in das Schloss steckt und umdreht, setzt sich der Motor sofort mit einem warmen Schnurren in Gang.
"Na, jedenfalls scheint der Motor zu funktionieren." Er setzte den Wagen um einige Zentimeter zurück, stoppt, schlägt das Lenkrad links ein und schrammt beim Geradeaus-Fahren haaresdünn den hinteren linken Blinker der vor ihm parkenden Autos, bevor er mit dem Gaspedal die Fahrt beschleunigt. Durch die Straßen der Großstadt steuert er auf die Autobahneinfahrt, einige Querstraßen weiter, zu und fährt die A113 runter. An der ersten Ampel, die auf rot geschaltet ist, schaltet Tjorben das Radio ein. Nachrichten! "Was gibt's denn Neues in der Welt des politischen Dummsinns? 80er Jahre Gesabbel der Grünen, die wie einige andere die Gegenwart nicht erreicht haben und Kontra von der Schwarz-Gelben-Regierung. Also nix Neues! Alles bleibt wie es war. Wählen werde ich eh nicht mehr. Und Protestwähler gehören sowieso in die Kategorie der intelligenzvergessenen Hirnbratzen, die dem Schlimmsten aus der historischen Vergangenheit neues Leben einhauchen könnten. Dann muss ich wohl doch wieder wählen, um es zu verhindern. Unsere Bundeskanzlerin macht ja einen guten Job", redet er mit sich selbst.
"Und nun zum Wetter", schallt es monoton von dem Nachrichtensprecher über den Äther, der mit der Wettervorhersage fortfährt. "Heute bleibt es tiefgrau bewölkt mit schauerartigem Regen. Die Temperaturen steigen auf milde 12° C und fallen in der Nacht auf 2° C. Der Wind weht schwach aus nord-west. Auch morgen kaum Wetteränderung. Der Himmel zeigt sich eher schwarz mit weiteren Schauern und nur kurzen trockenen Abschnitten. Die Temperaturen steigen bis 10° C - in der Nacht nur 1°C. Der Wind weht mit leichten Böen aus unterschiedlichen Richtungen. Das waren die Nachrichten. Es ist 12.05 Uhr."
"Uuh, das werden ein paar romantische Tage", tölt Tjorben und kräuselt die Nase kurz wie Brigitte Spuck. Tjorben macht keinen Hehl aus seiner naturgebenen Orientierung. Man merkt es ihm eigentlich nicht an, dass er schwul ist, aber es macht doch einen Riesenspaß, mit Klischees der Community zu spielen. Obwohl sich dieses Klischee bei einigen aus der Schwesternschaft entweder als naturgegebenes Talent oder eben doch als natürliches individuelles Verhalten feststellen lässt. Jedenfalls ist jeder Mensch, sollte es wenigstens sein.
Tjorben fährt bereits auf der Autobahn in Richtung nach Westen. Der Radiomoderator kündigt "The Sweet" mit "Blockbuster" an. Die Sirene im Intro heult auf. "Oh, mein Gott!", entweicht es ihm künstlich echauffiert über seine Lippen. "Da war ich grad 4 als dieser geile Titel erschien 1973 war kein schönes Jahr. Meine Mutter schickte mich zum Milch holen in den Tante Emma-Laden nebenan, weil ich sie darum anflehte, aber mein Vater rastete am Telefon völlig aus als Mutter ihm davon erzählte. Der Laden war doch nur um die Ecke. Also praktisch nebenan. Ich brauchte ja auch nicht über die Straße. Da meine Mutter zu heulen anfing, tat ich es ihr gleich und bettelte um den Telefonhörer, um mit meinem Vater zu reden. Ich bat ihn verzweifelt und weinend, nicht mit Mutti zu schimpfen, weil ich doch selbst die Milch holen wollte, um meine Selbständigkeit zu beweisen. Mit 2 Jahren beherrschte ich die Sprache bereits perfekt und war auch schon stubenrein. Zu meinem dritten Geburtstag schenkte mir meine Oma väterlicherseits einen Plattenspieler mit vier Singles: Toni Marschall - Schöne Maid/ Heino - Mohikana Schalali/ Mouth and McNeill - How do you do und Mireille Matthieu - Akropolis Adieu. Den Plattenspieler und die Singles bekam ich von ihr nur, weil ich alle Stars aus der Hitparade, Disco, Starparade - und wie die damaligen Shows alle hießen - kannte und mit Namen und Titel nennen konnte.
Nachdem Vater und ich das Gespräch beendet hatten, kam das dicke Ende: Anstatt mich für meinen kindlichen Einsatz zu loben, schrie mich meine Mutter an: 'Wie kannst Du das machen? Wie kannst Du das nur sagen? Jetzt wird doch alles noch viel schlimmer. Wenn Du doch bloß nicht wärst!' Ich heulte und zog mich in der damaligen Ein-Zimmerwohnung ins Wohnzimmer vor mein Kinderbettchen auf den Fußboden zurück, weil ich mich nicht in die Nähe meiner Mutter traute, die in der Küche stand", flüsterte Tjorben episch in seinem Selbstgespräch vertieft. Und kleine Tränen rannten ihm über die Wangen.
Nachdem der 70er-Jahre Hit in ein aktuelles Umta-umta (kann ja auch ganz schön sein) überging, setzt sich Tjorben wieder in Bewegung. Er ist vorausschauend auf die Anhalterspur auf der Autobahn gefahren und hat angehalten, weil ihm seine Tränen verklebten Augen die Sicht nahmen. Er greift nach einem Taschentuch, trocknet seine Augen und Wangen, legt den ersten Gang ein, blinkt links, schaut über die Schulter und fährt wieder an. Der Moderator lud jetzt nach dem Techno-Pop und einem Schlager von Katja Ebstein zu einem Quiz ein. "Mit Quiz-Sendungen wird man heute ja bombardiert wie Dresden im zweiten Weltkrieg. Gibt es nichts Profilneurotischeres als sich in einem Studio gegenüber dem Quiz-Master zu setzen, um dann doch kläglich an einfache Allgemeinwissensfragen zu scheitern und sich die Blöße zu geben? Menschen sind narzisstische Masochisten. Selbst Kinder kommen heute nicht mehr als Babys zur Welt, sondern als Popstars, die in 12 Jahren einem Psychotherapeuten zu einer Zweit-Villa am Bodensee verhelfen. Nicht Mama - Papa sind ihre ersten Worte, es sind Strass, Gucci, Prada und Paris. Es sind nicht mehr nur die Eltern, die ihre Kinder ins Rampenlicht prügeln, sondern die mediale Umwelt suggeriert den Kleinen, dass jeder von ihnen ein Star ist, um dann in Casting-Shows ihre zarten Seelen von Juroren zerhackstückeln zu lassen, damit der Talentfreieste begreift, nichts drauf zu haben. Aber selbst der talentloseste Depp hält sich für einen Caruso und beweist doch weniger stimmliches Können als Donald Duck. Allein Mahmed ist der Größte, Beste und Schönste. Seine Art zu gehen, lässt Mitleid aufkommen und Schlimmes vermuten. Wie er seinen Testosteron überschäumenden Körper fortbewegt, drängt zu Spekulationen, dass in jeder Sekunde, seine Bällchen im Schritt möglicherweise explodieren könnten. Das wäre nicht schön anzusehen und auch sehr peinlich. Eunuchen wedeln doch nur mit Palmenblättern ihren Herrschern Luft zu und werden dann noch dazu verdonnert, ihre Klappe zu halten. Wer lässt sich denn schon gerne von einer Kastraten-Stimme zutexten? Jedenfalls hätte Mahmed bei diesem Lapsus den Status eines männlichen Mannes und Beschützer der Frauen in der Familie, die eh nix zu sagen haben, verloren und müsste sich schließlich mit Kopftuch und Schürze in die Küche setzen und Kartoffeln schälen oder seinem großen Bruder die Füße waschen. Man(n) ist doch lieber Mann, der Befehle erteilt und die Richtung diktiert. Im 21. Jahrhundert gibt es leider immer noch Völker, die Gleichberechtigung und Toleranz des Andersseienden gegenüber als einen unerwünschten Parasiten ansehen und ihn mental einfach ausblenden, weil er sich mit Antibiotika eh nicht bekämpfen lässt", rasen Tjorbens Gedanken durch seine Hirnwindungen.
Als zwei 15jährige Mitspieler auf die Frage des Radio-Moderators, "Wie heißt die Hauptstadt Österreichs?", der eine mit Berlin und die andere Zürich als Antwort gibt, schaltet der zum Quiz-Master mutierte Moderator die Leitungen wieder frei und spielt zur Überbrückung einen weiteren Titel. "Heroes" von David Bowie. "Ein sehr geiles Stück", flüstert Tjorben mit einem Lächeln und erinnert sich an eine Szene, die 1977 passiert ist: "Bolle war immer unser Laden, in dem wir nach Mutters Feierabend einkauften. Es war Anfang Herbst. Auf dem Rückweg mit Einkaufstaschen beladen, kam uns ein dürrer junger Mann entgegen. Schwarzer Plüsch-Pulli, der an seiner Haut klebte wie die ebenfalls eng anliegende schwarze Jeans und an den Füßen trug er schwarze Chucks. Seinen Hals ummantelte ein schmaler pinkfarbener Schaal und die Ränder seiner Augenlider hatte er mit Kajal schwarz nachgezogen. Und so wie ich bis dato von meinen Eltern erzogen wurde, sagte ich zu meiner Mutter: 'Mutti, schau' 'mal, ein Bubi!' Darauf sie: 'Wehe, wenn Du so wirst!' Irgendwas wird sie anscheinend geahnt haben. Ich war nämlich seit der ersten Klasse ein großer Fan der Bay City Rollers und heimlich in Leslie und Woody verknallt. Ich habe mir sogar eingebildet, dass Woody mein großer Bruder wäre und meine Eltern mich seinen Eltern geklaut hätten. Die, die mich da bei sich wohnen ließen, konnten einfach nicht meine Eltern sein. Die waren - und sind es auch heute noch - so völlig anders als ich. Ich wusste auch schon, dass es eine andere Form der Liebe gab, aber mit späterer Unterstützung meiner Eltern war nicht zu rechnen."
[...]
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