ZUNEIGUNG 2009

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Zuneigung

 

Ihre Hand berührte vorsichtig meine Stirn.

Mit dem Findernagel ihres Zeigefingers begann sie behutsam den Staub aus den Falten zu kratzen. Unaufhörlich flüsterte sie dabei die Worte „alt“ und „verbraucht“.

Und wenn ich sie nicht immer verstand so konnte ich doch die Bedeutung in ihrem Atem riechen, der sich mit jedem Räuspern um meine gerunzelte Nase legte und sich daran sekundenlang festkrallte. Ab und zu versuchte ich ihr mit meiner Hand über das Haar zu streichen, doch die Aktion scheiterte schon in Höhe ihres Ohres. Der Krampf ließ meinen Arm jedes Mal heftig vorschnellen, so dass ich ihr beinahe weh getan hätte.

So beließ ich es bei nervösem Mundwinkel zucken. Mein Lächeln schindete damals Eindruck, heute ruft es Sorge hervor und die Frage, ob alles in Ordnung sei. Natürlich ist alles in Ordnung, man kann es mir bloß nicht mehr vom Gesicht ablesen. In diesen Momenten der antiken Zweisamkeit bekomme ich immer Lust, über die Zeit nachzudenken. Doch ich komme damit nicht sehr weit, da es oft zu lange dauert überhaupt den ersten klaren Gedanken zu denken und ihn dann auch noch so auszulegen, dass es Sinn macht, darüber nachzudenken.

Meine Stirn fängt an zu schmerzen. Ich schaue sie an, sehe dass sie eingeschlafen ist. Ihr Hand ruht immer noch über meinen Augen, ihre Nägel krallen sich in meine Haut, für besseren Halt. Ich bemühe mich erneut meinen Arm zu heben und den Ihren von mir zu lösen. Der Krampf setzt ein, meine Hand schnellt vor und trifft das Gesicht meiner schlafenden Schönheit. Erschrocken fährt sie hoch, im Traum gefangen und sieht in meine entsetzten Augen. Die Szene scheint schon zu oft gespielt, denn sie lächelt nur müde und kuschelt sich an meine ausgemergelte Schulter. Ja, meine Schönheit, schlafe und befreie dich von dieser scheinbaren Genesung. Ich frage mich nicht mehr, ob alles richtig war. Ich bereue nicht mehr und habe auch keine Tränen mehr für die Erinnerung. Sehnsucht vielleicht, Sehnsucht nach einem freien Tag ohne Arztbesuch und Schluckbeschwerden. Sehnsucht nach der verlorenen Lust, nach glänzenden Augen und gelungenen Überraschungen. Dieses Leben ist nur noch Berechnung. Sonst würde nichts mehr funktionieren. Und diese Berechnung braucht Zeit.

Deshalb lohnt es sich auch nicht über Zeit nachzudenken.