Papier berührte das Gras
Papier berührt das Gras, fallengelassen von einem Redner, und es wird dort liegen, über Jahre, bis Worte zu Erde geworden, so wie der Leichnam, der hier beerdigt liegt.
Beerdigt??? Erdig?? Erde? Mensch?
Dem Papier wurde nicht die Zeit gegeben, zu verfaulen, Wind hatte anderes damit vor, nahm es mit, über die Friedhofsmauer, bis zu einem Laternenpfahl, an dem es kleben blieb. Menschen lasen die Rede, lasen die Worte wie eine Anzeige, wunderten sich ob dieser Schwülstigkeit, die in den Worten steckte, die ein Redner verfasste über einen Menschen, den er nur einmal getroffen hat, und das auch noch in leblosem Zustand.
Ein kleiner Junge freute sich über den zettel, hatte er doch vergessen, einen Aufsatz zu schreiben, steckte das Totengeleit flux in seine Tasche und trug dieses am nächsten Morgen vor der Klasse vor. Die Lehrerin allerdings freute sich nicht, kannte sie doch den Inhalt, hatte den Vers und das Gejammere doch vor Wochen erlebt, als sie an einem Grab stand, in dem ihr Vater herabgelassen wurde, spürte noch das harte Holz der Kapellenbänke, als diese Worte vorgetragen wurden.
Der Junge mußte eine sechs bekommen, zu unverfroren, ja, zu hart war dieser Vortrag, diese Lüge, er hätte den Aufsatz selbst verfasst.
Doch nachts, als die Lehrerin aus tiefem Traum schreckte, hörte sie wieder diese zarte Stimme, die Worte sprach, die so gar nicht zu einem kleinen Jungen passten. Noch, das dieser wußte, gar verstand, was er da vorgetragen hatte, viel zu gestammelt kamen die Sätze, als sich ihr Schüler durch ein Leben kämpfte, stolperte, durch ein Leben, das sie selbst nicht verstanden hatte. War das ihr Vater?
Und jetzt in dieser Dunkelheit beruhigte sie die Erinnerung an den Vortrag, hat doch dieses Stammeln über den Tod viel Leichtigkeit gebracht, hat doch den Tod überspielt mit dieser viel zu jungen Stimme.
Gleich morgen sollte sie den Kleinen einfach nur umarmen, und ihm danke sagen, sollte mit kindlichem Verständnis lächeln, und jetzt lächelte sie sogar, und schlief darüber ein.
Der kleine Junge unterdess grämte sich nicht weiter, hat er doch nur bescheißen wollen, und das hat nicht geklappt, warum auch immer, weiß der Fuchs, woher sie wußte, das dies nicht sein Aufsatz war, nicht selbst geschrieben...Vielleicht lag es am Dialekt, oder an den Worten über einen alten Mann, der scheinbar gestorben war, ..., was kümmert ihn der Tod, bei seinem Opa haben sie doch auch den selben Mist erzählt, was solls, die Sechs schenke ich meinem alten Herrn, der tief in einer Grube schlummert, wo er hingehört, hab ihn eh nicht leiden können, diesen Miesepeter...So dachte dieser kleine Kerl, beim schlendern durch den alten Kiez, von Straßenecke zu Straßenecke, hier gehopst, und dort gegen einen Pfahl getreten, mal blind gelaufen, Augen zu, Augen auf, geht’s über Straßen, an Geschäften vorbei, an seiner Schule, an Muttis Fleischer, mit Herrn Krause drin als Würstchenmacher, weiter weiter, nächste Kreuzung, Augen zu, Augen .... zu... das Kreischen hört er längst nicht mehr, auch das Glas spürt er nicht mehr, auch das Entsetzen wird nicht mehr gesehen, Augen zu...und Blut, viel Blut, das letzte Auto kam zu schnell, vorbei vorbei vorbei....
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Textkritik
Lieber Kollege Alexander,
dem Zufallenden auf der Spur ... Das wohnt auch Deinen anderen hier veröffentlichten Texten inne, nicht wahr? Am stärksten finde ich "Der Seher" und "UGH" ( heißt nicht so, ich weiß, aber es ist das, was ich mir gemerkt habe).
Ist Dir orthografische bzw. semantische Schlaumeierei recht? "... der alte Mann, der scheinbar (also nicht wirklich) gestorben ..."
"beim schlendern" Schlendern
Solltest Du einmal bei meinen Texten vorbeischauen und Dergleichen entdecken, wäre ich Dir für entsprechende Kommentare dankbar.
Herzliche Grüße
Volker